Götter

english version: Our Gods

Als im frühen Mittelalter die ersten Missionare die alemannische Schweiz durchquerten, stiessen sie überall auf heidnische Kulte. Die Alemannen verehrten ihre Götter unter freiem Himmel feierten auf Hügeln, an Quellen und Wasserfällen Opferfeste. Bei einem solchen Pluoz wurden Tiere geschlachtet und zu Ehren der Götter ein eigens gebrautes Bier getrunken. Mit dem Gott der Missionare hatten die Mächte, die da verehrt wurden, die Ensî, aber wenig zu tun: Sie waren weder weder unsterblich noch fehlerfrei. Wie später die christlichen Heiligen galten sie als Helfer in der Not, die den Menschen Macht und Kraft verliehen, aber selbst höheren Gewalten unterworfen waren.

Die heiligen Lieder, in denen die Alemannen ihre Göttersagen weitergaben, sind leider längst vergessen. Dennoch sind sie uns nicht völlig unbekannt. Jahrhunderte nachdem die Alemannen Christen geworden waren, fanden germanische Göttersagen Eingang in die isländische Literatur. Vieles, was in den Eddur niedergeschrieben wurde, mag pure Dichtung sein. Manche Erzählungen sind aber so alt, dass sie sich auch in den Mythen von Völkern finden, deren Sprachen sich bereits Jahrtausende vorher von jener der Germanen abgespalten hatten – sie haben einen gemeinsamen indogermanischen Ursprung. Diese Geschichten müssen in der einen oder anderen Form auch den Alemannen bekannt gewesen sein.

Der wichtigste alemannische Gott war Wuodan. Er ist ein mächtiger Heiler und Zauberer, aber auch der gefürchtete Führer des Totenheers. Von den Alemannen wurde er mit ekstatischen Bieropfern verehrt. Seine Wut beflügelte die Krieger in der Schlacht und während der Mittwinterfeste, wenn sie mit russgeschwärzten Gesichtern und in Tierfellen gehüllt durch die Winternächte stürmten und die mystische Einheit mit dem Heer der Erschlagenen Ahnen feierten. Ein Hauch von diesem heiligen Furor liegt noch heute über den archaischen Mittwinterfesten in den Alpen.

Im Gegensatz zum düsteren, von Wölfen und Raben begleiteten Wuodan ist Zîu der Gott des hellen Taghimmels. Er ist ein heroischer, ehrenhafter und strenger Gott und wurde in heidnischen Zeiten bei Zweikämpfen und Eiden angerufen. Er galt als Mars Thingsus, als Patron des Things, der heidnischen Landsgemeinde, an der unter freiem Himmel Recht gesprochen und Anführer gewählt wurden.

Donar ist der alemannische Name für den Gott des Donners. Er ist ein Beschützer der Bauern und ihrer Herden und galt als tapferer Krieger, der gegen die Riesen zu Felde zog, die das Land der Bauern bedrohten. Viele Alemannen trugen eine römische "*Hercules-Keule* um den Hals, die seine mächtige Waffe symbolisierte. Im Norden wurde aus diesen Keulen mit der Zeit der Thorshammer, der während der Christianisierung zum Symbol des alten Heidentums wurde.

Daneben gab es auch Mächte des Wohlstands, der Gesundheit und der Fruchtbarkeit. Alte indogermanische Mythen erzählen von einer heiligen Hochzeit zwischen den Söhnen des Himmelsgottes und ihrer Schwester, der ebenso erotischen wie kriegerischen Göttin des Morgenrotes. Ihr Althochdeutscher Name war vermutlich Ostara – wenn sich alemannische Kinder heute auf d Ooschtara freuen, führen sie den Namen einer uralten heidnischen Göttin im Mund. Im Norden war diese Gottheit unter dem Namen Freya bekannt – auch sie war eine erotische und kriegerische Frau, welche sich mit ihrem lichten Bruder vereinigt haben soll. Sie hatte den Beinamen “Sau” und besass einen goldenen Eber. Die Erinnerung an sie lebt in den Sagen von der Pfaffenkellerin fort, einer lüsternen, wütenden Gestalt, die nackt auf einem Eber durch die Wälder reitet und sich den Menschen bisweilen als Muttersau mit einem Gefolge junger Ferkel zeigt…