Sagen
Bis in die Sechziger Jahre hinein war das Leben in vielen alemannischen Gemeinden noch sehr altertümlich. Man hatte weder Strom noch fliessendes Wasser. An kalten, regnerischen Tagen sass man um das Feuer und erzählte uralte Sagen. Viele von ihnen handelten von den Zwergen oder Wildmanndli, die in den Bergen leben. Sie hatten den Menschen einst gelehrt, wie man Käse herstellt, und die Gemsen sind ihre Ziegen, die sie liebevoll pflegen und aus deren Milch sie ihren Zauberkäse herstellen, der nie zur Neige geht. Sie sind freundlich zu den Menschen und helfen den Armen, mancherorts bedankte man sich dafür mit einem süssen Getreidebrei, der zur Fasnacht unter den Ofen gestellt wurde.

Doch die Gutmütigkeit der Wilden konnte schnell einmal in Zorn umschlagen: Überall in den Alpen gibt es Geschichten von rücksichtslosen Jugendlichen, welche die Zwerge verspotteten, ihre Bäume schlugen oder ihre heiligen Plätze zerstörten. Damit verscherzte man es sich mit den Zwergen: Sie zogen unter Verwünschungen fort und verschwanden für immer in den Bergen. Seither sieht man sie nicht mehr – doch sie sind immer noch da.
Viele Sagen erzählen auch vom gespenstischen Heer der Toten, dem Nachtvolch oder Gratzug. Die Geister leben hoch oben in den Bergen in den Gletschern und besuchen die Lebenden um Allerseelen oder während der Heiligen Nacht. Sie sind den Menschen wohlgesonnen, können ihnen aber auch gefährlich werden. In ihrem Heer ziehen alle, die keinen friedlichen Tod starben: Erschlagene Krieger, Verschollene, aber auch Selbstmörder und Verbrecher. In der Innerschweiz war der gespenstische Zug als Wuotisheer, das Heer Wuodans, bekannt. Mancherorts sah man in ihm auch den Zug des Friesenvolchs, der heidnischen Vorväter, die der Sage nach einst aus dem hohen Norden bis an die Alpen gezogen waren.
Das Nachtvolch war eng mit den furchterregenden maskierten Horden verbunden, die zur Mittwinterszeit durch die Dörfer zogen. In ihrer heiligen Wut wurden die jungen Maskierten eins mit dem dem gespenstischen Heer ihrer erschlagenen Vorfahren, die in der Schlacht mit ihnen für den Fortbestand ihrer Sippen kämpften.
Viele Berge, unter ihnen die berühmte Jungfrau, sind nach weissen, jungfräulichen Frauen benannt, die dort oben in Fels und Eis leben. Sie sind Herrinnen der Wildnis. Manche von ihnen leben in dunklen Bergwäldern, andere hausen in Felsen und Höhlen. Manchmal begegnen sie jungen Hirten und versprechen ihnen Liebe, Gold und Reichtümer. Doch die Wilden Frauen können auch gefährlich werden – manchmal zermalmen sie ihre menschlichen Liebhaber, und wenn sie sich nahe bei den Dörfern ziegen, folgen Erdrutsche, Murgänge und Lawinen.

Es gibt viele andere Wesen in den Bergen und Wäldern. Einige von ihnen sind Waldschrate, andere zeigen sich als wunderschöne weisse Frauen, die in Seen, Flüssen und Quellen leben, oder als junge Mädchen, die nackt durch den Wind reiten und Hagel und Sturm über das Land bringen.
