Tradition

english version: Our Tradition

Die meisten traditionellen Feste der Schweiz finden im Winter statt. Es ist die Zeit, in der nach altem Volksglauben die verstorbenen Ahnen zurück zu den Lebenden kommen. In vielen Tälern werden kleine Gaben für die wandernden Seelen bereitgestellt – Milch, Brot, Nidel oder süsser Brei. An vielen Orten dringt in den Mittwinternächten der furchterregende Klang von Hörnern, Glocken und Peitschen durch die verschneite Landschaft. Junge Männer in Masken und Fellen marschieren durch die kleinen Dörfer und verbreiten eine unheimliche Stimmung. Sie sind unempfindlich für die grimmige Kälte, das Gewicht der geschmiedeten Treicheln, den Schlafmangel und die Erschöpfung nach dem stundenlangen Umherziehen – sie sind ergriffen von einem Urgefühl, einer heiligen Wut. Früher waren es die jungen Krieger, welche lärmend durch die Gassen tobten. Sie vereinigten sich mit dem Wuotisheer – dem Geisterheer Wuodans. Auch heute noch liegt ein archaischer Furor über dem wilden Mittwintertreiben in den Alpentälern.

Die Ankunft des Frühlings wird vielerorts mit riesigen Feuern gefeiert. Diese Funken werden von den Jugendlichen des Dorfes gebaut. Die Flammen erzeugen eine ungeheure Hitze, die den Schnee um das Feuer herum verschwinden lässt. Glühende Scheiben werden in den Nachthimmel getrieben, je weiter sie fliegen, desto glücklicher ist die Liebe des Jungen, der sie abgeschlagen hat. Der Frühling ist auch die Zeit der Hexen. An der Fasnacht stürmen als alte Weiber verkleidete Männer durch die Dörfer. Die Fasnacht ist wie ein Föhnsturm im Frühling, an dem die warmen Winde aus dem Süden durch die schattigen Täler rauschen und die letzten Reste des faulen Schnees ausräumen.

Zu Beginn des Sommers erhalten manche Dörfer erneut Besuch: Der Wilde Mann kommt aus den Wäldern. Nur in grüne Zweige und Moos gehüllt, tanzt er durch die Gassen und bespritzt die jungen Mädchen mit Wasser. Neben diesen fröhlichen Bräuchen findet in einigen Gegenden nun auch ein sehr ernsthafter Brauch statt: Die Landsgemeinde. An einem der ersten Sonntage im Sommer versammeln sich die Freien des Tales, um ihren Landamman zu wählen und über neue Gesetze abzustimmen. In manchen Kantonen ist die Landsgemeinde auch heute noch ein wichtiges politisches Organ, an dem alle wichtigen Wahlen und Abstimmungen stattfinden.

Der Herbst ist traditionell die Zeit grosser Feiern. In den Wochen nach der Ernte herrschte in der bäuerlichen Welt Wohlstand. Essen, Trinken und Tanzen stehen auch heute noch im Zentrum der Schweizer Chilbi. In wärmeren Regionen wird bereits der junge süsse Traubenmost geöffnet. Die Herbstfeste sind oft mit Märkten verbunden, an denen sich Jung und Alt bei Süssigkeiten und Schnaps vergnügen.

Viele Traditionen sind sie mit Brot, Wein und Käse verbunden – Symbolen für die Geschenke der Natur, aber auch für die Kultur und Tradition der Menschen. Neugeborene Kinder wurden traditionell in Wasser und Wein gewaschen, die Heirat wurde mit einem Becher Wein geschlossen, den Braut und Bräutigam gemeinsam leeren mussten. Nach dem Tod wurde der Leichnam drei Tage in der Stube aufgebahrt, so dass sich alle von dem Toten verabschieden konnten. Danach wurde er in einer langen Prozession auf den Friedhof getragen. Manchmal gab man Käse, Brot und Wein in den Sarg. In manchen Tälern handelte es sich dabei um einen ausgehöhlten Baumstamm, den Totenbaum.

Diese Lebensfeste wurde oft im Haus gefeiert. In der warmen Stube befand sich dafür ein besonderer Winkel, in dem über dem Esstisch Bilder von Heiligen und Ahnen aufgehängt wurde. Hier wurden Kinder geboren und Tote aufgebahrt, und in den langen Mittwinternächten sass man hier beim Nidelmahl zusammen, während draussen das Lärmen des Maskenzüge durch die Kälte hallte.